Cambrai-Fritsch-Kaserne, Darmstadt

Die Etablierung eines neuen Wohnstandortes entlang der Bergstraße südlich von Darmstadt bietet die einmalige Chance, auf die Belange des Wohnens im 21. Jahrhundert wegweisende Antworten zu formulieren. Eingebettet in die waldreichen Ausläufer des Odenwalds entsteht hier ein autoarmes, vielfältig vernetztes Wohnquartier mit Qualitäten, die andere Stadtteile in dieser Form nicht aufzuweisen haben.
Der Entwurf geht auf die unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungshaltungen an den Wettbewerb ein und formuliert eine einfache, logische und zugleich zeitgemäße Antwort, ohne die räumliche und topographische Vielschichtigkeit des Areals preiszugeben.
Ein zentraler Grünzug ohne Autoquerungen bildet die Grüne Mitte der unterschiedlichen Quartiere des neu für Darmstadt erschlossenen Stadtteils aus. Umgeben von Wald kontrastiert die freie Fläche der Grünen Mitte, die sich aus dem umgebenden Wald entwickelt und in das Platzgeviert des ehemaligen Kasernenhof mündet (Jeffersons Wohnzimmer), mit ihrer Großzügigkeit und bietet den Raum und die Offenheit als quartiersnaher Ort der Begegnung, der Freizeitgestaltung oder der Erholung durch die unterschiedlichen Alters- und Bewohnergruppen interpretiert zu werden. Mit seinen vielfältigen topografischen und landschaftlichen Elementen und Flächen, die nur extensiver Pflege bedürfen (z.B. Mahdwiese), bindet die Grüne Mitte gleichzeitig den Stadtteil zusammen.

Topografie und Struktur

Vor Ort finden sich drei unterschiedliche, prägende landschaftlich-topografische Situationen vor: die Geländeterrassen im Norden, den mit hochstämmigen Bäumen bewaldeten Hang im Osten und der Bereich im Westen, prägnant zu einem Innenraum eingefasst durch die hohe Waldkante. Durch differenziertes Eingehen auf die drei unterschiedlichen Topografien werden drei unterschiedliche städtebauliche Strukturen entwickelt: Das Quartier am Hang folgt in der Anordnung der Gebäude den Höhenlinien, das Quartier der Terrassen nutzt und verstärkt die vorhandenen Geländeterrassierungen, das Quartier an der Waldkante in seiner durch die Waldkante ruhigen Innenraumwirkung findet seine Entsprechung in einer in sich ruhenden Blockstruktur, die zum Waldrand hin weicher wird.
Die unterschiedlichen städtebaulichen Strukturen reagieren jeweils quartiertypisch in Bezug auf Zwischenräume, Vernetzung und Gebäudehöhen und bilden so unterschiedliche quartiertypische städteräumliche Qualitäten aus. Sie bringen ebenso ihre jeweilig eigene städtebauliche Flexibilität ein hinsichtlich unterschiedlicher Bewohnergruppen und Gebäudetypologien, um eine soziale Mischung der Quartiere zu erreichen, aber auch hinsichtlich Offenheit gegenüber zukünftigen Entwicklungen.
Unterschiedliche Wohnformen wie Stadthäuser, Hausgruppen, Generationenwohnen, Baugruppen, auch Sonderwohnen (Arbeiten und Wohnen, Studenten und Senioren) werden in die städtebaulichen Strukturen der Quartiere integriert; durch kleinräumliche Ausdifferenzierung werden Räume im unmittelbarem Wohnumfeld angeboten, die der Förderung der Nachbarschaften dienen und von den Bewohnern genutzt werden können. Die Erschließung erfolgt in der Art, dass eine kleinteilige Parzellierung möglich ist.

Ein neues Gesicht der Stadt: Jeffersons Wohnzimmer

Wir halten es für unrealistisch, auch nur wesentliche Teile der Erdgeschossflächen der ehemaligen Kasernengebäude mit kleinen Einzelhandelsgeschäften zu bespielen, um über Geschäftsfunktionen einen urbanen Platz zu erzeugen. Wir schlagen vielmehr vor, dort eine enge Verbindung von Arbeiten und Wohnen zu implementieren: junge Kreative, Entwickler und Start-Ups unterschiedlichster Couleur sind eine Chance, eine ganz besondere, dichte Atmosphäre zu erzeugen, die Anziehungskraft nach außen entwickelt für einen ganz besonderen Ort für ganz Darmstadt auch um den neu erschlossenen Stadtteil in das Bewusstsein von Darmstadts Bewohner zu bringen (öffentliche Wahrnehmung des Stadtteils).
Jeffersons Wohnzimmer mit grünem Kronendach, Terrassenbelag, Loungefeeling, kleineren und größeren Aufenthalts- und Spielmöglichkeiten wird ergänzt durch einen barrierefreien Café- Pavillon.
Wir schlagen vor, die Tramlinie aus dem Wohnzimmer des Stadtteils herauszunehmen, um dort größeren Gestaltungsspielraum zu Aufenthaltszwecken zu erreichen; die städtebauliche Struktur lässt aber auch eine Realisierung der Tramlinie wie geplant zu. Die Haltestellen könnten in Anlehnung an die derzeitigen Tore, die gleichzeitig der vorgeschlagenen neuen städtebaulichen Situation entsprechen, Südtor und Nordtor benannt werden.

Verknüpfung des Quartiers mit der Umgebung

Zwischen der Cambrai-Fritsch-Kaserne und Bessungen besteht derzeit keine visuelle Verbindung. Auftakt des neuen Stadtteils bildet deshalb ein größeres Gebäudevolumen mit Fernwirkung entlang der Ludwigshöhstraße; dieses leitet weiter auf das zentrale Platzgeviert um den ehemaligen Kasernenhof.
In dem größeren Gebäudevolumen könnte zur Stärkung der Wissenschaftsstadt Darmstadt, ein Unternehmen angesiedelt werden, das in Forschung und Entwicklung tätig ist. Die Struktur bietet allerdings die Flexibilität, diesen Block ebenso als Wohnbebauung zu entwickeln.
Der jetzt schon gegenüber des Grünzugs Bessungen-Süd erhöhte nördliche Rand des Gebiets wird als durchlaufendes Belvedere ausgebildet; die Stärkung der Sichtbeziehung zum Hochzeitsturm steht für die erlebbare symbolische Anbindung an das ideele Zentrum von Darmstadt. Gleichzeitig findet das Quartier seinen klaren räumlichen Abschluss zum Grünzug Bessungen-Süd.
Die Stärkung der Längsverbindung innerhalb des Grünzugs Bessungen-Süd, sowie dessen Verknüpfung des Grünzugs Bessungen-Süd mit dem südlichen Rand von Bessungen dient auch der Anbindung des neuen Stadtteils mit Darmstadt insgesamt.
Die derzeitige bauliche Berührung des nördl. Rands von Eberstadt durch die Jefferson-Siedlung wird zurückgenommen, stattdessen wird eine städtebaulich eindeutige Trennung zwischen Eberstadt und dem neuen Stadtteil vorgeschlagen (Frischluftschneise).
Durchgangsverkehr wird strikt vermieden: Die Autoanbindung erfolgt ausschließlich über die Heidelberger Straße mit der weiteren Verbindung zur Marienhöhe. Es besteht keine Autoanbindung nach Bessungen, um keine zusätzliche Verkehrsbelastung und damit Durchgangsverkehr durch Bessungen zu generieren. Ebenso wird die Autoverbindung nach Eberstadt rückgebaut, um hier Schleichverkehr zu vermeiden.
Dagegen ist die Radverbindung mit der Umgebung dicht vernetzt, mit dem Rückgrat eines Radschnellwegs vom Zentrum durch Bessungen über das neue Stadtviertel bis Eberstadt, der schnelles Radfahren durch den neuen Stadtteil mit nur zwei Straßenkreuzungen gewährleistet und damit Radverbindungen auch als Berufsverkehr attraktiv macht.
Die Tramverbindung und ein Netz von Angeboten wie Carsharing, Segway-Pool, E-Auto-Ladestationen und der Radschnellweg bildet die Grundlage zur Verwirklichung eines autoarmen Stadtteils, auch um so die Klimaschutzanstrengungen von der Seite des Verkehrs zu unterstützen.
Als Parkierungsmöglichkeiten werden für die Blöcke entlang des Boulevards und im Quartier der Terrassen Tiefgaragen angeboten, ansonsten reichen aufgrund des Schlüssels von 0,65 Parkplätzen pro Wohneinheit i.d.R. oberirdische Parkplätze aus, ohne dass die Quartiere durch parkende Autos geprägt sind.

Ökologie

Geothermie und Solarnutzung sind das Rückgrat der CO2 neutralen Energieversorgung des Stadtteils. Die Flachdächer der Gebäude werden zur Erzeugung von Solarenergie herangezogen, zum anderen Teil als Gründächer ausgebildet zur Verzögerung des Regenwasserpeaks. Flächen für Erdsonden sind sowohl im Gebiet wie auch im Grünzug Bessungen-Süd ausreichend vorhanden.
Die Entwässerungskonzeption sieht vor, das Oberflächenwasser in Mulden-Rigolen abzuleiten mit einer Regenwasserrückhaltung und einem Überlauf an eine Vorflut als integrierter Bestandteil der Außenraumplanung.
Das Naturschutzgebiet Bessunger Kiesgrube wird erhalten. Es wird ein Informationszentrum vorgeschlagen, das Einblicke, aber keinen Durchgang gewährt. Ausreichend Flächen für die Mauereidechse sind vorgesehen.
Offene Freiflächen werden standorttypisch gestaltet, Grünraum wird pflegeextensiv angeboten (z.B. 2x jährliche Mahd); intensiv zu pflegende Außenräume sind minimiert.
Mit den vorgeschlagenen Stadtstrukturen können nicht nur nahezu sämtliche als erhaltenswert klassifizierten Bäume erhalten bleiben, sie bilden darüber hinaus einen wesentlichen Teil der städteräumlichen Qualität und Ortstypik. Z.B. bilden die Bäume des ehem. Kasernenhofs, befreit von allem Unterholz und ergänzt durch einen durchgehenden Belagsteppich, der in die Grüne Mitte ausläuft, ein lichtes Kronendach, der dem Stadtraum eine ganz einzigartige Qualität zwischen landschaftlich und urban verleiht.

Das Baugebiet, wie auch nochmals die Quartiere in sich, sind sukzessive verwirklichbar.

 

Art

Realisierungswettbewerb, 2017

Ort

Darmstadt

Auslober

Wissenschaftsstadt Darmstadt

Bearbeiter

H. Baurmann | M. Dürr | K. Zahorszky | C. Paulus

Fachberater

Schmid | Treiber | Partner Landschaftsarchitekten

Platzierung

4. Preis

Publikationen

competitionline 20.12.2017
wettbewerbe aktuell 03/2018