Neue Stadtbibliothek am Dalbergplatz, Mannheim

Ein öffentlicher Aufenthaltsraum für innen und außen

Die Strenge des Mannheimer Stadtgrundrisses zu respektieren und zu bewahren bedeutet bei der vorliegenden Bauaufgabe, die inhärenten Freiheiten innerhalb des Rasters aufzuzeigen. Dabei leitet uns der Wunsch, den Stadtbewohnern zurückzugeben, was man der Stadt genommen hat - Freiraum, Grünraum, Erlebnisraum.

Um den historischen Stadtgrundriss auch weiterhin erfahren zu können, passt sich der Baukörper der neuen Stadtbibliothek an drei Seiten in die Fluchten der Quadrate ein. Auch zum Dalbergplatz hin nimmt der Bau die Orthogonalität des Stadtrasters auf, treppt sich aber über die Geschosse hin ab und nimmt so dem Platzraum seine derzeitige schematische Strenge.

Über großzügige Treppenanlagen wird der Baukörper selbst zur begehbaren Skulptur, der Platz setzt sich in der dritten Dimension über das Gebäude fort und erlaubt den Benutzern eine neue, ungewohnte und erlebnisreiche Sicht auf ihre Stadt. Die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum, oben und unten verwischen sich. Die Bibliothek als lebendiger Treffpunkt verwebt sich auf allen Ebenen mit der historischen Stadt und ihren Bewohnern. Sie wird zur Passage, zum Anziehungspunkt für die Stadtgesellschaft, niederschwellig, spielerisch, attraktiv für Jung und Alt gleichermaßen. Wir schaffen einen öffentlichen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität und gut (be-)nutzbaren Innen- und Außenräumen mitten in der Stadt mit Zugang zu „betreutem" Wissen ohne Konsumzwang.

Durch die Abstaffelung der Baumassen wird eine bessere Belichtung der Platzfläche erreicht, der Blick des Passanten weitet sich nach oben, und die Zugänge zu Dalberghaus und Stadthaus werden gestärkt. Gleichzeitig wird der massige Bau auf die Betrachterebene heruntergezoomt, von der Fußgängerebene aus erfahrbar, fast kleinmaßstäblich, ohne den Kontext der großen Stadt zu verleugnen. Ein weitgehend verglastes Eingangsgeschoss zieht den Besucher ins Innere, gibt Einblicke frei ins Tiefgeschoss wie in die höhergelegenen Geschosse, das großartige Raumerlebnis feiert das Buch als Zentrum des Wissens.

In diesem Sinn wird die Alte Bibliothek bewusst in das oberste Geschoss gelegt, als Ziel eines inszenierten Weges nach oben. Begonnen wird der Weg auf einer Treppe, die sich ab dem 1.OG im Bereich des Cafés bzw. auf deren Terrasse teilt. Ein Teil des Weges führt uns außen über alle Gartenterrassen nach oben zur Alten Bibliothek. Der andere Teil leitet uns im Innern durch alle Abteilungen der Bibliothek über ein offenes Stiegenhaus mit interessanten Ein- und Ausblicken ans Ziel. Die Alte Bibliothek wird gefeiert als Nukleus der Bibliothek, in deren Inneren die Bücher wie in einer Holzschatulle verwahrt werden. Ein mit Holz und Samt ausgeschlagener introvertierter Raum sorgt für eine sinnliche Erfahrung und dient gleichermaßen als Rückzugs- und Erinnerungsort.

Der Weg vom Erdgeschoss nach unten führt über eine ausladende Treppe in einen hellen Lichthof aus dessen Mitte man die Veranstaltungssäle erschließt und sich der Co-Working-Space befindet. Auch von außen auf dem Platz wird einem bewusst, dass sich unter den Füßen ein großer Bereich befinden muss, wenn man über die großen, bodentiefen Fenster in den Lichthof blickt.

Die einzelnen Bibliotheksbereiche sind in jedem Geschoss an die Gartenterrassen angeschlossen. Über großzügige Öffnungen soll die Grenze zwischen außen und innen fallen. Gelesen und gelernt wird innen und außen ohne Barriere.

Ruhige, mit großmaßstäblichen Öffnungen versehene Fassaden aus Kalksteinbändern mit umlaufenden Deckenkanten aus Beton gliedern den Baukörper dem Kontext der Mannheimer Innenstadt ein, ohne aufdringlich zu wirken. Der skulptural ausformulierte Stadtbaustein lebt ganz von der üppigen Begrünung seiner Terrassen zum Dalbergplatz hin, die zum Sitzen, Kaffeetrinken, Spielen und Lesen im Freien einladen und damit deutlich machen, dass das Haus für die Aneignung durch die Stadtgesellschaft entworfen wurde.

Die Bäume und Pflanzen spießen wie Spontanbewuches aus dem „aufsplitternden" Platzbelag und begrünen wie durch eine Wiederaneignung des Bodens den Platz und die öffentlichen Bibliotheksterrassen.

 

Art

Realisierungswettbewerb, 2020

Ort

Mannheim

Auslober

Stadt Mannheim

Bearbeiter

M. Dürr | H. Baurmann | C. Weglorz | D. Lahr | K. Oldörp | D. Letter | M. Dürrwächter

Fachberater

Schmid | Treiber | Partner Landschaftsarchitekten

Visualisierung

Stuchlik 3D

Modellbau

werkplan

Publikationen

competitionline